Donnerstag, 21. Juli 2016

Weiblich-männlich- wie fühlt sich das an?

In der Zeit wurde ein Interview mit Lann Hornscheidt veröffentlicht: http://www.zeit.de/zeit-wissen/2016/04/lann-hornscheidt-geschlecht-identitaet-sprache-diskriminierung/komplettansicht ,  deren-dessen Ansichten zur Sprache und unseres Sprachgebrauchs und zur Geschlechtsidentität kompliziert, interessant und diskussionswürdig sind.
Ich habe mich immer schon gefragt, ob ich mich als "Frau" fühle bzw. wie es sich anfühlt, sich im "falschen" Körper zu fühlen.
Dass ich Widerstand gegen die Erfüllung der "Rolle" empfand, war schon im Kleinkindalter klar, wo ich jede Zuordnung zu so genannten weiblichen Verhaltensmustern und Tätigkeiten ablehnte und lautstark Reden schwang, dass ich niemals für irgendwen Socken stopfen würde und ich wollte ein Junge sein, um mehr Freiheiten in der Wahl der Sportarten und muskelaufwändigen Tätigkeiten zu haben.
Gegen jede Art von Geschlechtszuordnung lehnte ich mich auf und tat oft das Gegenteil. Ich liebte schwere Arbeiten in der Natur und fuhr leidenschaftlich gern Trecker und doch fand ich später auch Frauen, die diese Tätigkeiten selbstverständlich ausübten und zusätzlich so genannte "Frauentätigkeiten" wie Brot backen, Gemüsegarten beackern, Kinder versorgen, ausführten.
Früh bemerkte ich und sah, dass die eindeutige, nur in meiner Kultur eindeutige, Rollenverteilung nicht stimmte. Zu viele Männer lernte ich kennen, die eigentlich keine Verantwortung übernahmen und auch sonst so gar keine Männern zugesprochene Eigenschaften zeigten.
Mein Lebensentwurf erlaubte das flexible Ausgestalten und Ausleben meiner eigenen Identität so weit ich in der Lage bin, diese als "eigen" zu erkennen. Ich habe mich nie als geschlechtlich"falsch" oder "richtig", noch als "Frau" gefühlt außer vielleicht während der Menstruation aber das war dann ein Gefühl zu einem Unwohlsein, dass ich wohl oder übel in Kauf nehmen musste wie schlechtes Wetter. Mein Körper gefiel mir an einigen Stellen nicht, war aber auch nicht komplett der Falsche. Die Frage stellte sich nicht, daher kann ich Hornscheidts Gefühl beim Lesen von Literatur nicht gemeint worden zu sein, nicht nachvollziehen. Im Prinzip bin ich doch nie gemeint da es sich immer um andere Menschen handelt, so wie ich auch nur ein Mensch mit besonderen Eigenarten und Charakter bin.
Ich kann mich erinnern, dass es in meiner frühen Erwachsenenzeit ein Buch gab, was den Männern wieder die Männlichkeit wieder geben sollte, bzw. meine Interpretation war, dass es Frauen gab, die Männern dieses Buch schenkten, wenn sie im Bett nicht dominant und "männlich" genug waren. Der "Eisenhans" leitete die Männlichkeit aus den Urzeiten, als die Menschen noch Jäger und Sammler waren, ab. Die Männer waren natürlich die Jäger. Alle Eigenschaften, die in diesem Buch beschrieben waren trafen auf mich tausendmal mehr zu als auf den Mann, dem dieses Buch geschenkt worden war. In dem Buch wurden dann auch die Schuldigen benannt, die den Männern diese Eigenschaften und Möglichkeiten zur Identifizierung weggenommen haben. Das war die Frauenbewegung! Ich habe damals schallend gelacht über so viel Naivität und meinte, dass er doch bitte seine fehlende Männlichkeit vielleicht eher Jahrtausend währenden Katholizismus zuschreiben könne als vielleicht 30 Jahren Emanzipationsbewegung.
Mittlerweile bemerke ich aber leider auch viele geschlechtsspezifischen Rolleübernahmen und vor allem sprachliche Rückentwicklungen, die ich längst für aufgehoben dachte. In den Schulklassen gibt es kaum noch kurzhaarige Mädchen und der Gebrauch der rein männlichen Ausdrucksform ist selbst bei "bewußten" Frauen die Regel. In den achtziger Jahren waren die Stilblüten der feministischen Sprachen zwar manchmal skurril und ich konnte mich mit "der Mondin" nicht anfreunden aber die bewusste Selbstkontrolle entdeckte in der Tat Diskriminierung und Ungerechtigkeit. Heute ist es für mich schwer auszuhalten, Frauen, die sich mit Selbsterfahrung beschäftigen und vor anderen Frauen sprechen und dabei nur männliche Ansprachen und Adjektive benutzen, zuzuhören. Ich bin erschüttert, dass Feminismus gar nicht mehr sichtbar zu sein scheint, obwohl ich sicher bin, dass die Frauen ohne denselben nicht das wären, was sie heute sind.
Und da sind dann solche Menschen wie Lann Hornscheidt ein Segen. Unsere Sprache ist nämlich ein Ausdrucksmittel unseres Sozialgefüges und Menschenverständnisses. Eine Analyse ermöglicht ein Aufdecken und Zurechtrückens von Missständen und aufgezwungenen Rollenverständnissen.
Ich bin mir nur nicht sicher ob es von einer unsichtbaren Macht, dem Kapitalismus, dem Sexismus herrührt. Ich hatte schon immer ein Problem damit, wenn diese Begriffe personalisiert werden so wie "Gott" als Herr im Himmel, der alles lenkt dargestellt wird.
Eher glaube ich, dass der Kapitalismus und Sexismus auch ein Ausdrucksmittel einer entfremdeten, objektivierten Gesellschaft ist. D.h. wir entwickelten uns organisch vom Kind durch Erfahrungen im Kollektiv dorthin. Richtig ist aber, dass Menschen, die ihre Individualität heraus heben und einfordern, eine objektivierende Gemeinschaft zum Nachdenken bringen können. Nur so können Denkfehler erkannt und Korrekturen von jeder Person im eigenen Selbstverständnis durchgeführt werden.
Auch wenn ich die Zuordnung zu meinem Geschlecht nicht explizit gefühlt habe, sondern mich immer als Person gefühlt habe und daher auch in dieser Hinsicht kein mir bewusstes Defizit empfand, begrüße ich die Möglichkeit über meine Denkfehler und Beurteilungen durch eine Analyse der Sprache und die konsequente Betrachtung von Lann Hornscheidt aus einer anderen Perspektive nachdenken zu können.

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