Mittwoch, 27. Juli 2016

Wechseljahre- Wende oder Ende?

Ich schwitze und der Regen peitscht mir ins Gesicht. Die Muskeln ziehen und die Hände sind taub und schmerzen. Der Berg zieht sich endlos. Ich lege meine ganze Kraft in jeden Tritt. Irgendwie werde ich es schaffen. Ich muss es schaffen. Es ist nicht mehr so weit. Alle Strapazen der vergangen Stunden dürfen nicht umsonst gewesen sein. Endlich sehe ich das Ziel und meine Beine drehen sich von selbst und ich will nur noch ankommen. Noch zwei, drei Umdrehungen und ich wache auf.
Mein Knöchel schmerzt. Ich liege auf dem Bett und spüre wie das Blut in ihm pocht.
Trauer und Enttäuschung steigen in mir hoch bei der Erinnerung wie es mich gestern lang gemacht hat.
Wir waren auf einem okzitanischen Tanzfest und bei einem der ersten Tänze,die in der Reihe stattfanden und bei einer von einem unbeholfenen Tanzpartner eingelegten, holprigen  Drehung und dem gleichzeitigen Übergang von einem Asphalt- zu einem Aschebelag, verlor ich die Bodenhaftung, knickte mit dem rechten Unterschenkel um und lag auf der Erde. Sehr schnell wurde mir klar, dass es das "schlimme" Bein war-mit dem kaputten Knie- und die Panik stieg in mir hoch. Nein, bitte nicht, nicht schon wieder eine Knieverletzung. 
Ich schleppte mich zum nächsten Stuhl und betastete mein Bein. Ich schämte mich. Franzosen vom Nachbartisch schauten herüber und eine Frau schien helfen zu wollen und schaute mitleidig herüber. Ich lehnte durch eine Geste jede Hilfe ab und klopfte den Dreck von der Hose. Mit Tanzen war es vorbei.
K. hatte sich so sehr auf den Abend gefreut, dass ich ihr fortan beim Tanzen zusah, wobei ich das Bein auf einen Stuhl legte.
Nach meiner langen Radtour hierher hatte ich endlich die Form erreicht, die ich mir seit langem gewünscht hatte. Ich träumte davon, dass es vielleicht doch möglich ist, wieder in Topform zu kommen und vielleicht als Ziel in 1 bis 2 Jahren mal "Trondheim-Oslo" die "Styrkepröven" fahren zu können. 
Dazu muss ich aber die Form im Urlaub konservieren bzw. steigern. Zurück zuhause wird es schwer sein, ohne die nötige Grundkondition, weiter zu machen.
Und nun scheint durch ein kleines Missgeschick alles wieder umsonst gewesen zu sein. 
Ich hasse es immer wieder bei Null beginnen zu müssen. Besonders jetzt in den Wechseljahren erscheint mir alles noch mühsamer als zuvor. Das einzige was wächst ist das Gewicht. Selbst nach 1400km ist es nicht weniger geworden. Hartnäckig hat es sich an meinen Körper getackert. 
Jetzt gerade habe ich das Gefühl, dass Gott sadistisch ist. Du rackerst dich ab und erreichst einen kleinen Fortschritt, die Lebensfreude steigt und bums, legt es dich auf die Schnauze. Und deine Erfahrung sagt:"Jetzt erst mal auskurieren. Und dann kannst du mal schön von vorn beginnen." Das von vorn beginnen, kostet Schweiß und Tränen. Es schmerzt, die Luft bleibt weg und dauert. Ich habe dazu keinen Bock mehr!
Im Zusammenhang mit dem Blog lese ich andere Blogs von Menschen, die um ein vielfaches jünger sind und davon schreiben wie sie ein glückliches, selbstbestimmtes Leben führen. Sie sind meistens mit leichtem Gepäck unterwegs, meist auch noch reich, durch irgendein online-Business, das ich nicht verstehe und möchten anderen Menschen beibringen, wie sie frei und glücklich sein können. Ich könnte kotzen. Ich fühle mich in dem Moment so was von unfähig, dumm und gescheitert. Ich bin dann total neidisch und fühle mich hundert Jahre alt. 
Ja, scheiße, ich habe ein Studium absolviert, dass nicht gerade sexy war und bin schwanger geworden und habe einen Job übernommen, den ich Scheiße fand und habe die Jobs gewechselt und wenn ich nach Hause kam, habe ich mich um meinen Sohn, das Essen, die Wäsche, den Abwasch gekümmert und war manchmal so müde, dass ich am Tisch eingeschlafen bin.
Und jetzt ist der Sohn erwachsen und ich könnte frei sein, fühle mich dazu aber nicht in der Lage. Ich habe, weil ich zwischendurch auch noch eine Selbstständigkeit versemmelt habe, keine Altersvorsorge, die mich bei Aussetzen meiner kompletten Produktionseigenschaften, versorgen könnte und ich spüre, dass meine Kräfte einfach schwinden. 
Zudem sehe ich Menschen, die älter sind als ich und immer weniger können. Ja, es gibt auch Ausnahmen wie die fast achtzigjährige I., die mich beim Sprint auf dem Fußgängerüberweg mal so eben nass macht. Das frustriert mich aber umso mehr. Wenn sie mich jetzt schon überholt, wie kann ich es denn dann im Alter noch zu was bringen?
Und ich erinnere mich an meinen Ehrgeiz, meinen Schmerz, meine Anstrengung, um etwas leisten zu können. Ich habe keinen Bock mehr auf Anstrengung und Schmerzen. 
Ich will Leichtigkeit, von der die Hippies und Yogis so schreiben.
Ich möchte auch nicht abhängig werden. Abschied nehmen von meinen Körperfunktionen will ich auch nicht. 
Und wenn ich dann noch Ratgeber lese, die mir sagen, was ich alles an meinem täglichen Dasein ändern könnte, um gesund und glücklich zu werden, beginne ich zu hyperventilieren.
Ich werde so trotzig und weiß ganz genau, dass der Weg wenn nicht vorgezeichnet so doch eindeutig ist und mir der Trotz so gar nichts nützt. Gegen wen auch?
Wie kommt ihr damit klar? Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es? Wie kann frau auch im Alter glücklich und unbeschwert leben? Ich freue mich über jeden gut gemeinten Rat.



1 Kommentar:

  1. Liebe Mirjam,
    was Du so schmerzvoll beklagtst ist der ganz natürliche Alterungsprozess. Wir sind ein Teil der Natur. Wir blühen, im besten Fall, so wie bei dir, produzieren wir ein Kind, danach welken wir, werden kraftloser und müssen die Lektion des Alters lernen. LOSLASSEN sogar am Ende- das Leben. Warum sollte es für dich anders sein?

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