Sonntag, 26. Juni 2016

Leidensfähigkeit


Mitten in einer trotz körperlicher Anstrengung schlaflosen Nacht, stelle ich mir seltsame Fragen aufgrund des hormonell bedingten Leidens von Frauen bzw. überhaupt über das Erleiden und den Sinn desselben an und für sich.
Wozu hat der Mensch die Möglichkeit über sein eigenes Leid zu reflektieren? Was ist der biologische Sinn dahinter?
Oft frage ich mich ob das nicht das sadistische Spiel der Schöpfung ist?
Insbesondere Frauen gehen in ihrem Leben durch ein Wechselspiel der hormonell bewirkten körperlichen und seelischen Grenzzustände. Nun richten sich die Anforderungen des Lebens nicht an den Schwankungen der Leistungsfähigkeit und Frau ist gewöhnt, sich in den Phasen, in denen diese geringer ist, zu überfordern, um den Anforderungen gerecht zu werden. Dies wird entweder ermöglicht durch Ignoranz oder durch Leidensfähigkeit oder durch Drogen.
Ich habe einmal von einem Gynäkologen den Ausspruch im Zusammenhang mit den Behandlungsmöglichkeiten hinsichtlich von Wechseljahrsbeschwerden gehört:"Wir lassen die Frauen länger bluten!" Ich war so entsetzt über die männliche Allmachtsphantasie bzw. den männlichen Machtdurchsetzungsanspruch, Frauen an ihre Sicht der Leistungsfähigkeit und ständiger Verfügbarkeit anzupassen, wenn es sein muss unter Verwendung von anpassender Medikation.
Und genau an diesem internalisierten Leistungsdenken, litt und leide ich selbst bei hormonellen Schwankungen, die ein Zurückziehen, Pausieren oder einfach anderen Lebensrhytmus nötig gemacht hätten bzw. nötig machen.
Und dieser Widerspruch wird nun in der letzten großen Umbruchphase unüberseh-, unüberfühlbar.
Es gibt Kulturen, da wird Frauen in der Zeit nach der Geburt eines Kindes für einen bestimmten Zeitraum alles "alltägliche", mühselige abgenommen. Sie werden komplett in Ruhe gelassen mit ihrem Kind und werden von der Gemeinschaft mit allem Lebensnotwendigen versorgt.
In unserer Gesellschaft dagegen ist es wichtig, möglichst nicht oder nur kurz auszufallen.
In unserer Kultur, werden Schwankungen, die eigentlich eine Anpassung der Lebensumstände, eine Flexibilisierung erforderlich machen würden, individualisiert und durch korrigierende Massnahmen nivelliert. Die Individualisierung bewirkt ein Gefühl mangelnder Leistungsfähigkeit bei der Einzelnen und erfordert ein gehöriges Mass an Leidensfähigkeit.
Schlaflosigkeit, ein auftretendes Phänomen in den Wechseljahren, bekommt ein wirkliches Drohpotential wenn der Wecker zur immer gleichen Zeit klingelt und Höchstleistung abgefragt wird.
Die Sehnsucht, erquickenden, erholsamen Schlaf zu bekommen, kann Gedanken an Schlafmittel oder einen Faustschlag, der Bewusstlosigkeit herbeiführt, bedingen.
Generell sind die Gedanken bei allen Arten von Handicaps ähnlich, denke ich. Wie kann ich ein gesellschaftlich akzeptables Leben führen, ohne zu leiden und ohne mich mit Anderen zu vergleichen? Diese Vergleiche sind nämlich die andere Quelle des Leidens. Vielleicht ist es aber die eigentliche. Durch das Verstecken, Überdecken und damit impliziert die Fähigkeit Leid zu ertragen, wollen wir der Idee Genüge tun, Andere hätten die Probleme nicht,sind einfach leistungsfähiger, schmerzfreier, unbeschwerter.
Wir vergleichen uns mit der Unbekannten und einer ideellen Ziellinie.
Erst ein offener Dialog zeigt, dass die Anforderungen zu bestimmten Zeiten für alle schwierig sind und das Verdecken zu einem unsichtbaren Wettbewerb führt.

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