Donnerstag, 16. Juni 2016

Grenzerlebnisse

Wieso suche ich mir gerade jetzt diesen Weg aus?
Diese Frage habe ich mir gestellt als ich den langen Weg neben der Elbe herradelte und sich das Gefühl von "jetzt löst sich etwas und der Tritt wird rund" einstellte.
Gestern war ein öder Tag. Es begann eigentlich ganz ok. Ich freute mich morgens als ich die Maräne verließ, daß das Wetter ganz gut ist, nachts hatte es geregnet, und das Radeln durch den Wald machte Spaß. Ich durfte nur nicht stehen bleiben. Es hätte im Grenzbereich gar keine Minen geben müssen. Es gab ja Killermücken. Diese schrien  "Frischfleisch" und fielen über mich her.
Die Wege waren meist unbefestigt, was radeltechnisch eher suboptimal war.
Dann veränderte sich die Landschaft. Es wurde alles irgendwie usselig. Die Wiesen waren ungepflegt, solche mit Brennesseln umsäumte Pferdeküttelhaufen darauf. Ich näherte mich der Autobahn. Jetzt hatte ich mich schon mit Proviant versorgt und was sehe ich? Den ultra-mega-Edeka Store. Es gab dort sowohl ein Edeka als auch ein Tschiboverteilzentrum. Überhaupt war alles Gewerbegebiet. Nach langem Suchen fand ich dann wieder den Weg und es war ein Waldweg, auf dem ich in einer Sandkuhle erst mal den Abgang machte. Eine Gepäcktasche blieb auch liegen. Ich merkte es dann doch sehr schnell.
Entnervt fuhr ich dann durch einen Kiefernwald und es fing an zu gießen. Die Bäume boten keinen Schutz aber es gab einen Jagdstand unter den ich mich kauerte. Leider tropfte es durch die Lattung und ich sprang zwischen den tropfenden Lattenzwischenräumen hin und her. Ok, das brachte es jetzt auch  nicht. Also wieder aufs Rad und das Wetter taxieren.
In Langenlehsten schließlich ging es richtig ab. Der Strauch gab keinen Schutz, der Regenschirm war nicht so schnell raus gekramt und der Rücken ruckzuck klitschnass.
Panik und Wut stiegen in mir hoch. Nach mehreren inneren Dialogen ging ich in einen Hof und klingelte an der Haustür. Eine nette Frau öffnete und ich fragte, ob ich mich in ihrem Stall unterstellen könne.
Sie bejahte und ich setzte mich in den Stall und aß Bulgursalat, den ich mitgenommen hatte.
Als die Tropfen nachließen, kletterte ich wieder auf den Sattel. Auf dem Weg nach Büchen mußte ich noch einmal in ein Haltestellehäuschen, dann kam die Sonne heraus. Die Wetter Attacken hatten mich mittlerweile so angestrengt, dass ich mich kurz hinter Büchen entschloss, auf einem Campingplatz einzukehren. Die Besitzerin war sehr freundlich und ich bekam einen FirstClass Stellplatz direkt am See für mein Zeltchen.
Nachdem ich das Zelt aufgebaut, und im See schwimmen gegangen war, wusch ich noch die nassen Klamotten und fuhr nach Büchen, um irgendwas Essbares zu finden.
Im Asiaimbiss wurde ich fündig und konnte anschließend im benachbarten Pennymarkt noch Wasser und etwas fürs Frühstück besorgen.
Zurück auf dem Campingplatz konnte ich nichts mit mir anfangen also starrte ich Löcher in die Luft.
Irgendwie ist so eine Tour eine Grenzerfahrung der Gefühle. Sie wechseln ständig zwischen Freude, Spannung, Ängsten, Einsamkeit, Panik und Gelassenheit und manchmal schleicht sich die Frage ein, wozu machst du das eigentlich?
In dem Moment wo du losläßt und das Unerwartete geschehen lässt, passieren wundervolle Dinge. Und oft begegnest du dann auch wunderbaren Menschen.
Die Nacht im Zelt, konnte ich nicht schlafen. Die Matratze war zu klein, es war zu warm und dann zu kalt, es war zu hell und dann lärmten statt der Autobahn laute Enten oder waren es Frösche?
Endlich gegen Morgen schlief ich ein.
Gegen neun Uhr begann die innere Verhandlung. Soll ich überhaupt aufstehen? Wenn ich an das ganze Einpacken dachte, wurde ich ganz schwach. Wenn ich hier bliebe, könnte ich nur wieder nach Büchen fahren und die Stadt ist echt nicht schön. Gestern bin ich nicht viel gefahren, also irgendwie müsste ich auch noch ein bisschen Strecke machen.
Irgendwann hatten die Argumente fürs weiter fahren die größere Schlagkraft und ich begann zu packen.
Als ich so weit fertig war, fiel mir auf, dass ich keine Brille trug. Ach du Schreck- die befand sich in der Seitentasche des Zeltes, dass ich mehrfach geschüttelt, gefaltet und gerollt hatte. Ich sah ein verbogenes Gestell und zerbröselte Gläser vor meinem inneren Auge.
Aber beim auseinander nehmen des Zeltes fand ich sie nur etwas dreckig aber ansonsten wie gehabt vor. Puh.
Jetzt aber Achtsamkeit.
Beim Aufschließen des Fahrrades fragte ich mich, wie oft ich wohl auf der Reise mein Fahrrad auf- und zu- schließen werden und es durchzuckte mich die Erkenntnis, dass diese sich wiederholenden, zeitfressenden Handlungen einen den letzten Nerv kosten könnten. Also entschied ich mich, diese Handlungen als vollwertig einzustufen und in meine Entdeckung der Langsamkeit zu integrieren.
Nun radelte ich relativ müde und bocklos los.
Nach ca. 2 km entdeckte ich einen Unterstand am Elbe-Lübeckkanal mit Tisch und Bank und entschied mich, erst mal zu frühstücken. Es gab Joghurt mit roter Grütze und Müsli (eine Pennykreation), einen Schoko- und Nussnougatcroissant, ein Smoothie( irgendwas mit Zitrone und Gurke glaube ich) und Banane wegen des Magnesium.
Dann zockelte ich weiter bis Lauenburg. An der Ortseinfahrt begann es erneut zu regnen. Da ich aber etwas intelligenter als gestern damit umgehen wollte, bremste ich gleich hinter einer Frau auf einem mit dem Gemüseeinkauf bestückten E-Bike unter einem wie sich schnell raus stellte sehr passablen dichten Strauch. Etwas später schloß sich noch ein holländisches Ehepaar an, das aber nicht so lang verweilte. Die Frau in einer schicken Lederjacke und mit Bast Ballerinas an den Füßen und ich begannen ein sehr nettes Gespräch über das Wetter und die Vorteile eines E-Bikes.
Nach den letzten Tropfen verabschiedeten wir uns brav und zogen unserer Wege.
Lauenburg hat viel Kopfsteinpflaster. Ergo schloß ich das Rad ab (zählen zwei Schlösser doppelt?)und schlenderte durch die schöne Altstadt. Jedes Fachwerkhaus ist mit einem Schild, auf dem die Geschichte des Hauses beschrieben ist, versehen. Und es gibt Hinweisschilder über die Wasserstandshöhen in der Flut 2013.
Nach dem Milchkaffee in einem dualen Cafe, das gleichzeitig Boutique ist, stiegen meine Kräfte und ich nahm mir viel vor und tatsächlich beim Aufstieg aufs Radl machte es im Kopf "Klick" und es lief besser.
Nun ging es an der Elbe entlang Richtung Boizenburg und die Landschaft war überwältigend. Dagegen sind die Urdenbacher Kämpen eine Lachnummer.
Die Wiesenflächen haben gigantische Ausmaße und die große Weite erzeugt meditative Bewegung.
Das Gras stand sehr hoch und einige Bauern hatten schon gemäht. Dort hob sich das frische Knallgrün von den blühenden Grasstengeln, die fast schon schilfig anmuteten, ab.
Gegen Bleckede wurde die Landschaft wieder etwas kultivierter und es ähnelte dem Münsterland.
Erste Fährenüberfahrt und ich aß in Bleckede im "Traumzeit"- Kultur Cafe Rhabarberkuchen und Schokokuss.
Jetzt hatte ich Ehrgeiz und wollte es noch bis Hitzacker schaffen.
In Neu Darchau in letzter Minute die Fähre bekommen und  übergesetzt. Dadurch hatte ich eine Radlerin, die mich einige Zeit vorher noch rasant überholt hatte und nun vor einem Laden am Handy rumdaddelte, ausgeschaltet.
Dann zogen schwarze Wolken auf. Sehr schwarze Wolken. Zunächst dachte ich, das Gewitter bleibt auf der anderen Seite aber dann bemerkte ich, dass die schwarzen Wolken mir folgten. Dann blitzte es und da ich ja einsam auf weiter Flur radelte, gab ich ein schönes Ziel ab und da kam die Angst. Es gab keinen Unterstand weit und breit. Die Höfe hatten ihre Eingänge auf der Elbe abgewandten Seite. Irgendwann ging ein Weg links ab. Der Abstand zwischen Blitz und Donner war gering und der Wind zog auf. Ich klopfte an die Tür eines kleinen Bauernhauses und eine Frau in den sechzigern öffnete. Ich durfte mein Rad unters Dach stellen und sollte reinkommen, was ich dankbar und aufatmend tat. Im Wintergarten sprachen wir über Katzen und viele Radler, die schon an ihre Haustür geklopft hatten. Auf dem Glasdach prasselten die Tropfen in Gewitter starker Lautstärke. Sie zeigten mir eine Postkarte, die ihnen ein englisches Ehepaar mit dem Foto ihres Hauses und ohne Namensanschrift geschickt hatten. Es stand: "liebe Post, bitte schicken sie die Karte an die Besitzer dieses Hauses, deren Namen wir nicht kennen" und dann wurde noch der Ort angegeben. Es half da schon sehr, dass der Ort nur aus drei oder fünf Häusern besteht. Weiterhin erfuhr ich, dass die Fähre nach Hitzacker eine Personenfähre ist und wahrscheinlich nicht mehr fährt wenn ich dort ankomme. Hitzacker war noch ca. 10km entfernt. Um sie doch noch zu erreichen brach ich bei Verringerung der Tropfstärke sofort auf und trat kräftig in die Pedale. Ein Schild mit Ferienhof Mayer 3km landeinwärts tauchte auf. Ich liess es links liegen. Der nächste Hof bot Fremdenzimmer an, das Tor war aber geschlossen. Meine Bereitschaft, schon vor Erreichen von Hitzacker unter Anwendung der Wahrscheinlichkeitsrechnung eine Unterkunft zu nehmen, wuchs.
Als ich das Hinweisschild "Ferienhof Mayer" das dritte Mal sah, bog ich links ab. In Stixe dann fand ich den Hof und er gefiel mir auf Anhieb. Ein wilder Bauerngarten bildete das Entree und als ich an der dicken Holztür klopfte und in eine dunkle, urige Diele trat und rief "Bin ich hier richtig" und eine tiefe Stimme mit "das woaß I net ob sie hier richtig sind", wußte ich, ich bin hier richtig. J., der eigentlich Österreicher ist, sieht aus wie Frau sich einen Ökobauern vorstellt. Das Gesicht ist umrahmt von einer wilden, weißen Haarpracht und sonnengegerbt, beim Lächeln blinken große weiße Zähne hervor. J. trägt einen groben, grauen Strickpullover und schlüpft in ausgetretene Gummistiefel, um mir das Zimmer zu zeigen. Es ist ebenerdig in einem kleinen Häuschen und wunderschön. Die Fachwerkwände sind innen mit Lehm verputzt und der Boden und alle Möbel aus rustikalem Holz. Aus den Fensterchen sieht man entweder in den Garten oder auf eine Wiese, auf der Holz gemacht wird. Massenhaft Holz. Ich bin verzückt. Essen bekomme ich auch noch. Einen bunten Gartensalat mit Traubenkernöl aus der Steiermark, frisch auf gebackenes Baguette sowie gute Butter und Schafskäse darf ich in der Stube, die auch lehmverputzte Wände hat, an einem schweren Holztisch zu mir nehmen. Das Essen schmeckt so lecker. Als ich fertig bin, gehe ich in die Küche wo J. sitzt und stelle mich an den Tresen und wir reden über Weltreisen, J. war Schiffsbauingengieur und in den Philippinen verheiratet, Heidschnucken, Wollschafe, Herdenschutzhunde, sie haben 2 Pyrenäenschutzhunde und ich bekäme das Schaf geschenkt, sollte ich es schaffen, es der Herde abzunehmen. J.s Frau, die aus Kirgisien kommt und G., der Berliner Angestellte, der mit Kopfhörern Kaninchen füttert und blaue PallMall raucht, kamen dazu und wir plauderten über so vieles bis in die Nacht. J. bot mir wiederholt einen Praktikumsplatz an. Ich habe ja jetzt die Adresse.

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