Montag, 13. Juni 2016

Das grüne Band Tag1

Wie kann die Metamorphose vom Ich zum Wir glücken? Wie sehr haben sich die Sozialisten in alten Tagen die Loslösung vom Individuellen, Egoismus, Kapitalismus gewünscht, um der Gemeinschaft, dem Wohlstand aller, der Gerechtigkeit näher zu kommen. Was haben sie nicht alles getan, um den Prozess zu schützen?
Um das kleine Pflänzchen der neuen Gesellschaft ungestört aufwachsen lassen zu können, ohne das es von gierigen Kapitalisten nieder getrampelt wird, wurden Zäune errichtet, dann Mauern, dann wurden die Mauern bewacht. Doch es trat ein, womit sie nicht gerechnet hatten. Die einzelnen Triebe der eigenen Pflänzchen wollten nicht im Gewächshaus bleiben. Und so wendete man Gewalt gegen die eigenen Menschen an.
Mit dem Prozess vom Ich zum Wir haben sich schon viele Weise und weniger Weise beschäftigt.
Ich möchte mich dem Thema auf meiner Reise entlang des alten deutsch-deutschen Grenzverlaufs ganz persönlich widmen.
Zunächst gilt es das "Ich" wieder zu finden und dann eine Haltung zum "Wir" zu entwickeln.
Um das "Ich" wieder zu finden, steht Alleinsein an und da das "Ich" aus Körper und Geist besteht und ersterer in der Vergangenheit zu kurz gekommen ist, muss dieser nun bewegt werden. Also fahre ich mit dem Rad allein nun "das grüne Band" ab.
Bei meiner Bahnfahrt von Bochum nach Lübeck am gestrigen Sonntag habe ich Gesellschaft in seiner nervigen Version erfahren. Der Zug nach Hamburg war voll, was logisch war, woran ich aber nicht gedacht hatte. Ich war das  erste Mal mit einem Fahrrad im IC, so wußte ich weder, dass Frau die Gepäcktaschen abnehmen muss, noch, dass es Fahrradaufhängungen in luftiger Höhe gibt, die nur Hünen bedienen können. Das Reservierungslos war für mich auf so einen Ständer gefallen und ich kapitulierte sofort.
Also nahm ich einfach einen niedrigeren.
Doch dann kamen in Dortmund 2 Paare, d.h. vier (4) weitere Fahrräder und dann gings ab. Irgendwie frickelten sie sich durch aber ein Mann der Truppe, ein wirklich großer Mann, regte sich fürchterlich über mich und meine Dreistigkeit einen anderen Ständer in Beschlag genommen zu haben auf.
Zudem saß neben mir eine sauertöpfisch herein blickende Hamburgerin, die gemäß ihres Gehabes Profi-Fahrrad-Zugreisende war und meine rheinischen Smalltalkavancen mit kurzen, abweisenden Kopfbewegungen parierte und durch hingeworfene Profitipps mein schlechtes Gewissen ins Unendliche vergrößerte.
Endlich in Hamburg angekommen, konnte ich dem sozialen Mobbing fürs Erste entfliehen. Doch damit war mit meiner übervölkerten "Wir-Erfahrung" noch nicht Schluß. Der Bahnhof war sauvoll. Und ich mit meinem überladenen Drahtesel mittenmang. Angewiesen auf Aufzüge, die mich zwecks Gleiswechsel auf über- und untergeordnete Ebenen transportierten.
Eine Ebene rauf, durch Gedränge schubsen und dann auf Aufzug warten, runter auf das vorgesehene Gleis, vom Schaffner erfahren, dass es jetzt ein anderes Gleis ist, zum Aufzug durch dusselig herum stehende Wartende schieben, wieder rauf und zu einem anderen Aufzug, warten, reinquetschen, runterfahren und hoffen, dass es jetzt das richtige Gleis ist.
In der Regionalbahn bin ich völlig erleichtert, die Menschen lächeln nämlich.
In Lübeck werde ich von M. fröhlich in Empfang genommen.
Mit einem leckeren Abendimbiss und 2:0 gegen die Ukraine lassen wir   den Abend ausklingen.
Das Zusammen packen und die Abfahrt heute verlaufen unspektakulär. Ok mein Navi findet den Sateliten nicht aber irgendwie fahre ich aus Lübeck gen Süden. Es dauert einige Kilometer, bis ich dann auf den Radweg, der der Europaroute entspricht, komme.
Das Gewicht mit den vier Gepäcktaschen und dem Zeltsack und der Lenkertasche ist schon enorm. Ich versuche immer kleine Übersetzungen zu treten, um mein Knie nicht gleich zu überfordern.
Es regnet manchmal leicht, was aber nicht schlimm ist. Ob es nun Schweiß oder Regen ist, ist irgendwann egal.
Die Natur ist überwältigend. Gerstenfelder, die sich wellig dem Horizont nähern. In Utecht begrüßt mich neugierig Meister Lampe. Vorsichtig lugt ein Reh aus der Gerste hervor. Statt Autobahngeräusch Vogelgezwitscher.
Wunderschöne ziegelgemauerte Fachwerhöfe reetgedeckt sind in den kleinen Örtchen ohne Lebensmittelladen zu finden.
Meine Versorgungslage habe ich falsch eingeschätzt. Ohne das Bütterken von M. wäre ich schon in Campow aufgeschmissen.
Aus großstädtischer Überheblichkeit lasse ich den Hofladen an der Grenzstation Schlagsdorf links liegen. Hier finden sich Hinweisschilder darauf, wie Tellerminen die Menschen beim Versuch in den Westen zu kommen, zerfetzt haben. Dabei ist der Mechower See so heimelig.
In Groß Molzahn frage ich Schulkinder nach dem Weg (ich fahre nur noch nach meinem Reisebuch- das Navi findet die kleinen Wege nicht und es ist meistens alles gut ausgeschildert) und woher ich Wasser bekomme. Auf letztere Frage wollen sie mich zurück schicken. Das geht bzw. fährt ja gar nicht.
Langsam mache ich mir versorgungstechnisch echt Sorgen. Ich überlege wie ich von Blättern die Regentropfen absaugen und bei den Schafen aus der Tränke schlürfen könnte.
In Dechow schließlich die "gläserne Molkerei" rettet mich. Ich esse Kuchen und trinke Milchkaffee, Buttermilch und Wasser. Mein Körper sagt schon langsam "Nada". Und das obwohl das bis hierher nur Marathondistanz ist, da kann U. nur drüber lachen.
Dechow ist ein hübscher, anscheinend auch alternativer Ort. Hier gibt es lehmgefachte Häuser und es sieht irgendwie alternativ aus. In der Molkerei gibt es auch nur Bioprodukte.
In Dutzow wechsel ich mal wieder die Seiten und Kopfsteinpflaster und Sandwege führen mich über Kittlitz nach Dargow. In dem Wald in Seenähe piesacken mich einige Mücken.
In Seedorf ist ein Landgasthaus geschloßen und das andere voll. In Groß Zechern gibt es einen Campingplatz- äh und was ist mit Essen?
Da fahre ich geradewegs auf die "Muräne" zu, ein Restaurant und Hotel. 63 km sind geschafft und ich esse vier Muränen und trinke  zwei alkfreie Weizen und lege mich jetzt in ein schönes Bett.

Kommentare:

  1. Liebe Mirjam
    Das ist Abenteuer pur.
    Ich bin stolz auf dich,dass du dir nicht beweisen musstest, dass Mücken, Zelt,und Unbequemlichkeit den schönen, aber mühsamen Tag abrunden sollten. Klasse :vier Muränen (ist das ein Fisch? Hört sich riesengroß an...) und ein weiches Bett. Gratulation.
    Ich drück dich
    Brigitte

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  2. He,BETWOMAN,wo steckst du? Hoffentlich nicht in einem Regenloch ersoffen. ....würde gerne hören, wie dein Abenteuer weitergeht.
    LG

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  3. He,BETWOMAN,wo steckst du? Hoffentlich nicht in einem Regenloch ersoffen. ....würde gerne hören, wie dein Abenteuer weitergeht.
    LG

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  4. Moin, moin, liebe Grüße aus dem Pott.
    Spannend was du erlebst. Ich hoffe, die netten Menschen überwiegen zahlenmäßig. Halte uns weiter auf dem Laufenden. Triefend naß erwarten wir Morgen Besuch zum Fastenbrechen. Bin schon gespann auf die nächste Folge..... I.T.

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