Mittwoch, 22. Juni 2016

1. Etappe beendet

Ich hatte wirklich Horror vor dem Harz und ich mag ihn auch nicht sonderlich. Schließlich habe ich dort studiert.
Worauf ich aber überhaupt keinen Bock habe, sind unfreundliche, muffelige Spießer und aus irgendeinem Grund vermute ich eine größere Ansammlung der Spezies in den nächsten Kilometern der Grenzroute.
Zugegeben, ich merke, dass größere Anstrengungen im Hinblick auf das vor mir liegende Endziel, mir Furcht bereiten. Ich habe das Gefühl, dass meine Entfernungseinschätzungen doch eher der Flugliniendistanz entsprachen und muss nun eine machbare Route finden.
Weitere Argumente, eine Routen Änderung vorzunehmen und mich heute in den Zug zu setzen, sind mangelnde Zeltplätze und keine Klöster.
Aber nun zu der oben angedeuteten Spezies. Als ich gestern Salzwedel verließ, wurde die Landschaft leicht wellig. Weide und Wald wechselten sich ab. Sehr niedlich waren die Findlingskirchen, das sind kleine Dorfkirchen, deren Mauerwerk aus Findlingen aufgebaut ist. Manchmal ist der Glockenturm ein separater Holzturm.
Nach einigen Auf und Abs, erreichte ich Jübar. Hier im Gasthof zu Linde hatte 1814 mal ein dänischer Prinz oder König auf dem Weg nach Wien halt gemacht.
Der Wirt präsentierte mir Kopien der damaligen Hotelrechnung.
Ich aß dort Spargel als ein Paar, das eine kleine Freizeittour machte, hinzukam. Sie waren angenehme Zeitgenossen.
Kurz darauf kam ein weiteres Paar, das nach einer längeren Tour ausschaute und die Frau fragte, ob sie sich an meinen Tisch dazu setzen dürften. Hierzu sei bemerkt, dass wir draußen auf der Terrasse saßen und da gab es nur zwei große Tische. Ich bejahte ihre Frage natürlich. Als sie sich setzten, stellten sich mir alsbald die Nackenhaare senkrecht.
Die Frau checkte mich erstmal von oben bis unten ab und hatte einen wie ich es interpretierte, negativen Zug um den Mund. Ich begann automatisch schneller zu essen, um weg zu kommen.
Sie wollte auch ne extra Wurst von der Abendkarte aber als es das nicht gab, bestellte sie gar nichts. Ich hatte das Gefühl, dass der Wirt sie auch nicht mochte. Jedenfalls machte ich, dass ich fort kam.
Plötzlich wechselte die leicht geschwungene Landschaft und wurde total flach. Sie nennt sich "Dümpling" und ist eine kultivierte Moorlandschaft. Schnurgerade in einem streng geometrischen Muster verlaufen Wege und Wasserstraßen. In den rauhen Wiesen und angrenzendem Schilf befinden sich seltene Vögel und kleineres Getier, das in der Regel sticht.
Diese Landschaft hilft nicht bei der Orientierung und so fuhr ich im Kreis, bis ich mein Navi anstellte.
Schließlich erreichte ich nach knapp 90 km Breitenrode, in dem es ein Hotel gab, das aber geschlossen aussah. Da der nachfolgende Ort Oebisfelde größer ausschaute, vermutete ich dort noch andere Unterkünfte.
Der Ort war furchtbar. Langgezogene Plattenbausiedlungen, denen der neue Anstrich auch keine einheimelnde Wirkung verlieh. Irgendwann auf Nachfrage kam ich zum Gasthaus an der Aller.
Als ich mein Rad abstellte, lugten die Gäste schon aus dem Fenster und als ich eintrat schüttelten die Wirtsleute den Kopf. Nein, übernachten könnte ich hier nicht, da müssen ich zurück nach Breitenrode. Meine Kräfte waren schon am absoluten Nullpunkt.
Kurz überlegte ich noch nach Wolfsburg zu fahren aber die 15km konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Zudem sah die Schnellstraße lebensgefährlich aus.
Also fuhr ich doch nach Breitenrode. Ich wurde sehr nett empfangen. Frau H. erzählte mir, dass das Gasthaus an der Aller sehr wohl Zimmer hätte. Sie wollen sie aber nicht an Radfahrer vermieten.
Sie machen zuviel Arbeit. Daher schicken sie sie dann nach Breitenrode. Auf solche reaktionären Scheißer hatte ich echt keinen Bock.
Also entschloss ich mich am nächsten Tag nach Wolfsburg zu fahren   und dort einen Zug nach Fulda zu nehmen. Die Grenzroute verließ ich nach 450 km.
In Göttingen hatte ich eine Stunde Aufenthalt und setzte mich auf eine Bank auf dem Bahnhofsvorplatz in die Sonne. Nach einer Weile setzte sich ein Mann zu mir und dann sagte er, er müsse hier bis um sieben Uhr abends abhängen. Ich fragte warum und er erklärte mir, dass er an der Tankstelle bemerkt hätte, dass alle seine Papiere und Geld weg seien und seine Frau müsse aus Hannover kommen und ihn abholen. Es klang alles plausibel und er sah ordentlich aus, war so Ende fünfzig, Jeans, blaues Hemd, RayBanbrille, war nicht schön aber so normal halt. Das einzige, was ich befremdlich fand, war relativ viel Zahnstein. Na ja, letztendlich bot ich ihm an Geld zu leihen. Wir verabredeten, dass ich ihm meine Bankverbindung per SMS schicke und er es, sobald er das mit den Karten geregelt hat, mir überweist.
Er hieß Herr Kümmel. Ich lieh ihm 30 Euros und er ging von dannen. Ich hatte trotzdem das ungute Gefühl betrogen worden zu sein.
Eine ähnliche Nummer war mir schon mal auf einem Bahnhof passiert. Da ließ derjenige als Pfand, er wollte meinen 50€ Schein wechseln, seine Lederjacke da. Die war allerdings auch geklaut und er kam nie wieder.
Ich sendete Herrn Kümmel meine Bankverbindung, habe aber keine Antwort erhalten und bin eigentlich sicher, dass ich das Geld nicht mehr zurück bekomme.
Blöd daran ist vor allem, dass mein Vertrauen Menschen zu helfen, die vielleicht wirklich in Not sind, geschwächt wird.
Nachdem ich im Kloster in der Nonnengasse keinen Unterschlupf finden konnte, fuhr ich zur Jugendherberge in Fulda. Die ist wirklich absolut empfehlenswert. Ich bekam ein schönes Zimmer mit Dusche und WC, ein Abendessen und nette Gespräche von Heranwachsenden über Selbsterfahrung und Sexualaufklärung zu hören.
Am nächsten Morgen zockelte ich dann gen Süden weiter, nachdem ich noch bei einer Spardabank! in Fulda Geld gezogen habe.
Ein totales Stimmungstief überkam mich. Ich hatte Kopfschmerzen und fuhr so langsam. Es fühlte sich an als ob jemand mein Rad nach hinten zieht. Es ging gar nichts. Meinen Plan bis Lohr zu fahren, gab ich auf.
Erst nachdem ich bei "Roma" unter einer Autobahnbrücke Spaghetti Marinara gegessen hatte, kehrte etwas Kraft zurück, die ich bei einem langen Anstieg auch prompt nutzte, um einen Achtzigjährigen (sah zumindest so aus) mit einem komplett überladenen Gepäckträger, nass zu machen. Generös wartete ich am Gipfel. DerAlte hatte darauf dann keinen Bock mehr und fuhr beim nächsten Campingplatz rechts ab.
Ich fuhr dann noch etwas weiter und landete im "Sinntal" mit meiner Sinnkrise auf einem absolut niedlichen Campingplatz mit einem lustigen, schnauzbärtigen kugeligen Campingplatzwart.
Später saßen wir in seinem kleinen Aufenthaltsraum, schauten Fußball und tranken Bier. Es war eine wirklich gute,familiäre Stimmung. Außer mir war noch ein Radfahrer, der gerade in Würzburg gestartet war und nach Schweden wollte, da.
Detlef war eigentlich aus Brandenburg und als Leiharbeiter in Würzburg gelandet und nun gerade pensioniert. Er sah aus wie ein Kraftpaket und redete sehr viel, was aber nicht störte. Er bedauerte, das er in der entgegengesetzten Richtung von mir unterwegs ist. Ich fand es ganz in Ordnung, hatte ich den Eindruck,dass er gerne seine langjährige Freundin austauschen wollte. Die sah nur gut aus, fuhr aber kein Rad.

Kommentare:

  1. Liebe betwoman
    Wie gut, dass du nicht austauschbar bist.....
    Aber ein bisschen übermütig, was deine Kraft -und Lust -Einteilung ist. Pass einfach auf,dass der Spaß nicht zu kurz kommt. Und Bequemlichkeit sollte auch sein. Und WOHLFÜHLEN. gell????
    Aber du erlebst spannende Begegnungen. Ich staune. Finde ich klasse.
    Kuss

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  2. Liebe betwoman
    Wie gut, dass du nicht austauschbar bist.....
    Aber ein bisschen übermütig, was deine Kraft -und Lust -Einteilung ist. Pass einfach auf,dass der Spaß nicht zu kurz kommt. Und Bequemlichkeit sollte auch sein. Und WOHLFÜHLEN. gell????
    Aber du erlebst spannende Begegnungen. Ich staune. Finde ich klasse.
    Kuss

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