Mittwoch, 27. Juli 2016

Wechseljahre- Wende oder Ende?

Ich schwitze und der Regen peitscht mir ins Gesicht. Die Muskeln ziehen und die Hände sind taub und schmerzen. Der Berg zieht sich endlos. Ich lege meine ganze Kraft in jeden Tritt. Irgendwie werde ich es schaffen. Ich muss es schaffen. Es ist nicht mehr so weit. Alle Strapazen der vergangen Stunden dürfen nicht umsonst gewesen sein. Endlich sehe ich das Ziel und meine Beine drehen sich von selbst und ich will nur noch ankommen. Noch zwei, drei Umdrehungen und ich wache auf.
Mein Knöchel schmerzt. Ich liege auf dem Bett und spüre wie das Blut in ihm pocht.
Trauer und Enttäuschung steigen in mir hoch bei der Erinnerung wie es mich gestern lang gemacht hat.
Wir waren auf einem okzitanischen Tanzfest und bei einem der ersten Tänze,die in der Reihe stattfanden und bei einer von einem unbeholfenen Tanzpartner eingelegten, holprigen  Drehung und dem gleichzeitigen Übergang von einem Asphalt- zu einem Aschebelag, verlor ich die Bodenhaftung, knickte mit dem rechten Unterschenkel um und lag auf der Erde. Sehr schnell wurde mir klar, dass es das "schlimme" Bein war-mit dem kaputten Knie- und die Panik stieg in mir hoch. Nein, bitte nicht, nicht schon wieder eine Knieverletzung. 
Ich schleppte mich zum nächsten Stuhl und betastete mein Bein. Ich schämte mich. Franzosen vom Nachbartisch schauten herüber und eine Frau schien helfen zu wollen und schaute mitleidig herüber. Ich lehnte durch eine Geste jede Hilfe ab und klopfte den Dreck von der Hose. Mit Tanzen war es vorbei.
K. hatte sich so sehr auf den Abend gefreut, dass ich ihr fortan beim Tanzen zusah, wobei ich das Bein auf einen Stuhl legte.
Nach meiner langen Radtour hierher hatte ich endlich die Form erreicht, die ich mir seit langem gewünscht hatte. Ich träumte davon, dass es vielleicht doch möglich ist, wieder in Topform zu kommen und vielleicht als Ziel in 1 bis 2 Jahren mal "Trondheim-Oslo" die "Styrkepröven" fahren zu können. 
Dazu muss ich aber die Form im Urlaub konservieren bzw. steigern. Zurück zuhause wird es schwer sein, ohne die nötige Grundkondition, weiter zu machen.
Und nun scheint durch ein kleines Missgeschick alles wieder umsonst gewesen zu sein. 
Ich hasse es immer wieder bei Null beginnen zu müssen. Besonders jetzt in den Wechseljahren erscheint mir alles noch mühsamer als zuvor. Das einzige was wächst ist das Gewicht. Selbst nach 1400km ist es nicht weniger geworden. Hartnäckig hat es sich an meinen Körper getackert. 
Jetzt gerade habe ich das Gefühl, dass Gott sadistisch ist. Du rackerst dich ab und erreichst einen kleinen Fortschritt, die Lebensfreude steigt und bums, legt es dich auf die Schnauze. Und deine Erfahrung sagt:"Jetzt erst mal auskurieren. Und dann kannst du mal schön von vorn beginnen." Das von vorn beginnen, kostet Schweiß und Tränen. Es schmerzt, die Luft bleibt weg und dauert. Ich habe dazu keinen Bock mehr!
Im Zusammenhang mit dem Blog lese ich andere Blogs von Menschen, die um ein vielfaches jünger sind und davon schreiben wie sie ein glückliches, selbstbestimmtes Leben führen. Sie sind meistens mit leichtem Gepäck unterwegs, meist auch noch reich, durch irgendein online-Business, das ich nicht verstehe und möchten anderen Menschen beibringen, wie sie frei und glücklich sein können. Ich könnte kotzen. Ich fühle mich in dem Moment so was von unfähig, dumm und gescheitert. Ich bin dann total neidisch und fühle mich hundert Jahre alt. 
Ja, scheiße, ich habe ein Studium absolviert, dass nicht gerade sexy war und bin schwanger geworden und habe einen Job übernommen, den ich Scheiße fand und habe die Jobs gewechselt und wenn ich nach Hause kam, habe ich mich um meinen Sohn, das Essen, die Wäsche, den Abwasch gekümmert und war manchmal so müde, dass ich am Tisch eingeschlafen bin.
Und jetzt ist der Sohn erwachsen und ich könnte frei sein, fühle mich dazu aber nicht in der Lage. Ich habe, weil ich zwischendurch auch noch eine Selbstständigkeit versemmelt habe, keine Altersvorsorge, die mich bei Aussetzen meiner kompletten Produktionseigenschaften, versorgen könnte und ich spüre, dass meine Kräfte einfach schwinden. 
Zudem sehe ich Menschen, die älter sind als ich und immer weniger können. Ja, es gibt auch Ausnahmen wie die fast achtzigjährige I., die mich beim Sprint auf dem Fußgängerüberweg mal so eben nass macht. Das frustriert mich aber umso mehr. Wenn sie mich jetzt schon überholt, wie kann ich es denn dann im Alter noch zu was bringen?
Und ich erinnere mich an meinen Ehrgeiz, meinen Schmerz, meine Anstrengung, um etwas leisten zu können. Ich habe keinen Bock mehr auf Anstrengung und Schmerzen. 
Ich will Leichtigkeit, von der die Hippies und Yogis so schreiben.
Ich möchte auch nicht abhängig werden. Abschied nehmen von meinen Körperfunktionen will ich auch nicht. 
Und wenn ich dann noch Ratgeber lese, die mir sagen, was ich alles an meinem täglichen Dasein ändern könnte, um gesund und glücklich zu werden, beginne ich zu hyperventilieren.
Ich werde so trotzig und weiß ganz genau, dass der Weg wenn nicht vorgezeichnet so doch eindeutig ist und mir der Trotz so gar nichts nützt. Gegen wen auch?
Wie kommt ihr damit klar? Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es? Wie kann frau auch im Alter glücklich und unbeschwert leben? Ich freue mich über jeden gut gemeinten Rat.



Donnerstag, 21. Juli 2016

Weiblich-männlich- wie fühlt sich das an?

In der Zeit wurde ein Interview mit Lann Hornscheidt veröffentlicht: http://www.zeit.de/zeit-wissen/2016/04/lann-hornscheidt-geschlecht-identitaet-sprache-diskriminierung/komplettansicht ,  deren-dessen Ansichten zur Sprache und unseres Sprachgebrauchs und zur Geschlechtsidentität kompliziert, interessant und diskussionswürdig sind.
Ich habe mich immer schon gefragt, ob ich mich als "Frau" fühle bzw. wie es sich anfühlt, sich im "falschen" Körper zu fühlen.
Dass ich Widerstand gegen die Erfüllung der "Rolle" empfand, war schon im Kleinkindalter klar, wo ich jede Zuordnung zu so genannten weiblichen Verhaltensmustern und Tätigkeiten ablehnte und lautstark Reden schwang, dass ich niemals für irgendwen Socken stopfen würde und ich wollte ein Junge sein, um mehr Freiheiten in der Wahl der Sportarten und muskelaufwändigen Tätigkeiten zu haben.
Gegen jede Art von Geschlechtszuordnung lehnte ich mich auf und tat oft das Gegenteil. Ich liebte schwere Arbeiten in der Natur und fuhr leidenschaftlich gern Trecker und doch fand ich später auch Frauen, die diese Tätigkeiten selbstverständlich ausübten und zusätzlich so genannte "Frauentätigkeiten" wie Brot backen, Gemüsegarten beackern, Kinder versorgen, ausführten.
Früh bemerkte ich und sah, dass die eindeutige, nur in meiner Kultur eindeutige, Rollenverteilung nicht stimmte. Zu viele Männer lernte ich kennen, die eigentlich keine Verantwortung übernahmen und auch sonst so gar keine Männern zugesprochene Eigenschaften zeigten.
Mein Lebensentwurf erlaubte das flexible Ausgestalten und Ausleben meiner eigenen Identität so weit ich in der Lage bin, diese als "eigen" zu erkennen. Ich habe mich nie als geschlechtlich"falsch" oder "richtig", noch als "Frau" gefühlt außer vielleicht während der Menstruation aber das war dann ein Gefühl zu einem Unwohlsein, dass ich wohl oder übel in Kauf nehmen musste wie schlechtes Wetter. Mein Körper gefiel mir an einigen Stellen nicht, war aber auch nicht komplett der Falsche. Die Frage stellte sich nicht, daher kann ich Hornscheidts Gefühl beim Lesen von Literatur nicht gemeint worden zu sein, nicht nachvollziehen. Im Prinzip bin ich doch nie gemeint da es sich immer um andere Menschen handelt, so wie ich auch nur ein Mensch mit besonderen Eigenarten und Charakter bin.
Ich kann mich erinnern, dass es in meiner frühen Erwachsenenzeit ein Buch gab, was den Männern wieder die Männlichkeit wieder geben sollte, bzw. meine Interpretation war, dass es Frauen gab, die Männern dieses Buch schenkten, wenn sie im Bett nicht dominant und "männlich" genug waren. Der "Eisenhans" leitete die Männlichkeit aus den Urzeiten, als die Menschen noch Jäger und Sammler waren, ab. Die Männer waren natürlich die Jäger. Alle Eigenschaften, die in diesem Buch beschrieben waren trafen auf mich tausendmal mehr zu als auf den Mann, dem dieses Buch geschenkt worden war. In dem Buch wurden dann auch die Schuldigen benannt, die den Männern diese Eigenschaften und Möglichkeiten zur Identifizierung weggenommen haben. Das war die Frauenbewegung! Ich habe damals schallend gelacht über so viel Naivität und meinte, dass er doch bitte seine fehlende Männlichkeit vielleicht eher Jahrtausend währenden Katholizismus zuschreiben könne als vielleicht 30 Jahren Emanzipationsbewegung.
Mittlerweile bemerke ich aber leider auch viele geschlechtsspezifischen Rolleübernahmen und vor allem sprachliche Rückentwicklungen, die ich längst für aufgehoben dachte. In den Schulklassen gibt es kaum noch kurzhaarige Mädchen und der Gebrauch der rein männlichen Ausdrucksform ist selbst bei "bewußten" Frauen die Regel. In den achtziger Jahren waren die Stilblüten der feministischen Sprachen zwar manchmal skurril und ich konnte mich mit "der Mondin" nicht anfreunden aber die bewusste Selbstkontrolle entdeckte in der Tat Diskriminierung und Ungerechtigkeit. Heute ist es für mich schwer auszuhalten, Frauen, die sich mit Selbsterfahrung beschäftigen und vor anderen Frauen sprechen und dabei nur männliche Ansprachen und Adjektive benutzen, zuzuhören. Ich bin erschüttert, dass Feminismus gar nicht mehr sichtbar zu sein scheint, obwohl ich sicher bin, dass die Frauen ohne denselben nicht das wären, was sie heute sind.
Und da sind dann solche Menschen wie Lann Hornscheidt ein Segen. Unsere Sprache ist nämlich ein Ausdrucksmittel unseres Sozialgefüges und Menschenverständnisses. Eine Analyse ermöglicht ein Aufdecken und Zurechtrückens von Missständen und aufgezwungenen Rollenverständnissen.
Ich bin mir nur nicht sicher ob es von einer unsichtbaren Macht, dem Kapitalismus, dem Sexismus herrührt. Ich hatte schon immer ein Problem damit, wenn diese Begriffe personalisiert werden so wie "Gott" als Herr im Himmel, der alles lenkt dargestellt wird.
Eher glaube ich, dass der Kapitalismus und Sexismus auch ein Ausdrucksmittel einer entfremdeten, objektivierten Gesellschaft ist. D.h. wir entwickelten uns organisch vom Kind durch Erfahrungen im Kollektiv dorthin. Richtig ist aber, dass Menschen, die ihre Individualität heraus heben und einfordern, eine objektivierende Gemeinschaft zum Nachdenken bringen können. Nur so können Denkfehler erkannt und Korrekturen von jeder Person im eigenen Selbstverständnis durchgeführt werden.
Auch wenn ich die Zuordnung zu meinem Geschlecht nicht explizit gefühlt habe, sondern mich immer als Person gefühlt habe und daher auch in dieser Hinsicht kein mir bewusstes Defizit empfand, begrüße ich die Möglichkeit über meine Denkfehler und Beurteilungen durch eine Analyse der Sprache und die konsequente Betrachtung von Lann Hornscheidt aus einer anderen Perspektive nachdenken zu können.

Dienstag, 19. Juli 2016

Hothothot!

Es bimmelt- am Berg. Kühe sind ständig in Bewegung in Saint Savin in den Pyrenäen. Der Mond steigt in blauklarer Nacht hinter den Gipfeln empor. Groß, leuchtend und rund bescheint er die Kapelle Pietat und das Tal des Gave de Pau ou de Lavedan. Vom Tourmalet kommend stieg bei der Abfahrt vom Pass ein wenig Kühle vom Fluss empor. Das Gehirn bekam die Aufmerksamkeit nicht mehr so recht hin und die Wahrnehmung wurde verschwommen. Es war nun der zweite Tag bei Temperaturen oberhalb der 30Grad Marke und wir beschließen umzukehren. In Faugeres erwartet uns die blaue Kühle des Pools und die Vorstellung noch einige Tage unter dem Motorradhelm zu verbringen, lässt Panik aufkommen. Für heute sind 41 Grad vorhergesagt. Da geht doch nur noch still sitzen und viel Wasser trinken?
Daher entschieden wir den heutigen Tag im Hotel zu verbringen und morgen schnellst möglich wieder ins Häuschen nach Faugeres zurück zu fahren.
Den Termin mit A. und I. in Bilbao haben wir schweren Herzens gestrichen. Die Vorstellung 800 km wieder zurück fahren zu müssen, schreckt ab.
Dabei ist es in den Pyrenäen wunderschön. Hohe Berge mit liebevollen Bergdörfern, Bäche, die von den Bergen teils strömen teils etwas dünn hinunter schlendern und serpentinenreiche Landstrassen erfreuen Motorrad- und Rennradfahrer-innen gleichermaßen. Kühe, die  in einer stoischen Selbstverständlichkeit die Passstraße besetzen.
Schon im Herault war die aufkommende Hitze spürbar. Die Hoffnung, dass die Hitze in den Bergen nachlassen würde, trieb uns weiter. Die gut ausgebauten Straßen machten ein Vorwärtskommen leicht. Wir schafften am ersten Tag mehr als unser Etappenziel. Nach der erfolgreichen ersten Passüberquerung, der Flucht vor Bremsen auf dem Parkplatz unterhalb der Ruine von "Montsegur", bezogen wir in Massat in einem liebevoll restaurierten Zimmer mit Holzboden und Natursteinwand Quartier. Dazu gehörte das Musikrestaurant, in dem eine Horde Engländer, die den Kern der örtlichen Hippiebewegung zu bilden schienen, lautstark und angetrunken auf sich aufmerksam machten. Ein mit Schottenrock bekleideter graubebarteter Mittfuffziger mit einem ausgeprägten Sendungsbewußtsein erklärte uns, hocherfreut neue "frische" Gesprächspartnerinnen gefunden zu haben, die ursprüngliche Bedeutung des Wortes "understand".
Zusammen mit einem mit Rastalocken und Nasenring versehenem Franzose zogen sie gerade eine Marihuanazigarette durch. In dem Ort, der im 18.Jahrhundert 9000 Einwohnern und nun noch 690  beherbergte, schien eine kleine Alternativbewegung ihre Heimat zu haben. Zumindest legten die hohe Anzahl von Rasta-Zopfträgern, ein Bioladen und  spirituell angehauchte Buchläden diesen Rückschluss nahe.
Über dem Eingangsportal der noch auf die größere Bevölkerungszahl ausgerichteten Dorfkirche wachte eine Marienskulptur, unter deren rechter Achselhöhle sich ein Bienenschwarm angesiedelt hatte.
Überhaupt war die Kirche ein Zufluchtsort kleinerer Tiere. Die bunten Kirchenfenster waren in der oberen Hälfte mit dicken Spinnweben verschleiert.
Am nächsten Morgen tranken die ersten Hippies in der Kneipe Whisky-Cola zum Frühstück und spielten Dart.
Dass der Ort ein sicherer Ort war, ließ sich daran erkennen, dass ich mein Navigationsgerät, das ich als aus dem Hotelzimmer geklaut vermutete, mit Morgentau überzogen auf meiner Motorradsitzbank liegend, wiederfand.

Donnerstag, 14. Juli 2016

Faugeres

Es ist blau, ein klares, wolkenloses, unendliches Blau und der Wind streichelt den weiß und rosa blühenden Oleander.
Seit gestern ist es abgekühlt.
Nachdem wir M. und F. in Mancey verlassen haben und mit dem Anhänger hoppelnd weiter gen Süden gefahren sind, wurde es immer heißer.
Schon meine Fahrt von Taize nach Mancey fand bei ultimativer Hitze statt. Ich schleppte mich bei 35 Grad Celsius von Kirche zu Kirche, um in ihren kühlen Inneren zu verweilen und die romanische Baukunst zu bewundern.
Um Brancion, ein gut erhaltenes mittelalterliches Dorf mit Burg, besichtigen zu können, schlich ich einen langgezogenen Berg hinauf. Ein Rennrad fahrendes Ehepaar begleitete mich ein Stück und wir versuchten eine rudimentäre französische Konversation. Irgendwann war es ihnen mit mir dann doch zu langsam und sie traten in die Pedale.
Die Kirche von Brancion wurde im 12. Jahrhundert erbaut und ist sehr dunkel. Durch die hohe Feuchtigkeit im Innern sind die alten Wandmalereien schwer zu konservieren. Das Tor der Kirche stand offen und frau konnte aus dem dunklen Innern über das ganze Tal schauen. Ein atemberaubender Anblick. Ich konnte mir das Gefühl der Herzöge, die den Blick über ihre Ländereien schweifen lassen, sehr gut vorstellen.
An einem Wegkreuz legte ich mich erschöpft auf eine Bank und schlummerte ein wenig.
In Mancey angekommen, ging ich nach meiner nun letzten Radetappe duschen und wartete auf K., die kurze Zeit später mit unseren schwarzen Stieren auf dem Anhänger eintraf.
F. machte uns etwas zu essen und wir hatten ein recht vergnügtes Abendessen, F. war Comedian und M. Musiker mit einer gehörigen Portion trockenen Humors. In deutsch-englisch-französischem Kauderwelsch konnten wir sogar tiefgründigere Themen wie die eigene Lebensaufgabe besprechen. Und wir lachten herzlich.

Sonntag, 10. Juli 2016

Gott ist tot!?

Ich bin an dem Ort, der Ungläubige bezaubert und sogar bekehrt, Jugendliche eine christliche Spiritualität näher bringt und drei Mal täglich Gottesdienste besuchen und ein besonderes Gefühl von Gemeinschaft erleben lässt, Menschen aller Nationen für einen Moment näher und zusammen bringt und viele süchtig macht nach diesem Erlebnis und diesem Ort, Taize.
Mich verwirrt und verunsichert dieser Ort. Die vielen Menschen, ca. 3-4Tausend, die Unruhe, Geschäftigkeit und kollektive Beseeltheit irritieren mich und lassen meine Skepsis, meinen Sarkasmus wachsen. Erstaunt und mit Furcht gestehe ich mir sogar ein, dass mein Glaube verschwunden ist.
Die Gleichnisse aus der Bibel klingen in meinen Ohren flach und sind psychologisch erklärbar. Es erschreckt mich festzustellen, dass Gott immer dann "herhalten" muss, wenn etwas unerklärlich und machtvoll und oder sehr bedrohlich ist. Der eine Verbrecher, der sich in letzter Minute vor seiner Kreuzigung neben Jesus, zu Christus bekehrt, unter der Annahme, dass Jesus ihn mit ins Paradies nimmt bzw. nehmen kann. In den letzten Minuten qualvoller Angst, scheint das wenigstens eine Hoffnung zu sein, die das Sterben erleichtert. Grenzerfahrungen erleichtern Glauben.
Und dann die Wunder, die die Anwesenheit des Göttlichen demonstrieren sollen. Wozu?
Ich erkenne durch meine "Gemeinschaftserfahrung", dass es sich hier in Taize um eine Pseudogemeinschaft handelt. Menschen die diese Gemeinschaft in der einwöchigen religiösen Verzückung hochstilisieren und dann nach Hause fahren und von der Erinnerung zehren und später wieder nach Taize zurück kehren, um sich erneut den Kick zu holen. Zuhause werden sie trauern, dass so ein friedliches, harmonisches Leben nicht möglich ist und die örtliche Kirche diese Magie nicht bietet. Dabei möchten Sie doch jetzt immer schöne traurige oder romantische, eingängige Lieder mit einfachen Texten dafür aber in verschiedenen Sprachen singen.
Gemeinschaft wird gern gewählt, um nicht einsam zu sein. Es wird der Wunsch damit verbunden, von sich abgelenkt zu werden. Zu schmerzhaft ist das auf-sich-geworfen sein. Das Ich soll im Wir verschwinden und dieser vom Ego schon unlogische, durchgeführte Winkelzug führt zur Pseudogemeinschaft oder dem Bezug zu einigen wenigen, die bei Nicht Gefallen beliebig ausgetauscht werden. Das Ego fühlt sich aufgehoben und sicher und verstanden. Ein Weg zu wirklicher Gemeinschaft ist damit eher nicht erreichbar. Im Gegenteil, so vermute ich, ist das Aushalten und Erkennen der inneren Wahrheit Voraussetzung für gelingende Gemeinschaft.
Hier in Taize wird meine Trauer über ein zerplatztes Ideal sehr deutlich. Mein momentaner Zynismus und Sarkasmus macht mir zu schaffen und ich sehne mich nach der Zuversicht des Glaubens. Sowohl an Gott als auch die Menschen.
Ich bin sicher, dass Menschen und insbesondere Gruppen und Gemeinschaften an etwas "Höheres" glauben und einen Sinn erfüllen müssen. Nur "schöner Wohnen"trägt nicht. Irgendwann führen die "Egoismen" zu Streit und/oder Rückzug.
Wie bei Zweierbeziehungen glaube ich auch an die richtige "Paarung", d.h. die Menschenkonstellation, die funktionieren kann. Natürlich ist die Anzahl der Variablen bei Gemeinschaften größer.
In oben Geschriebenem kommen ja doch einige "glauben" drin vor.
Ich hoffe es stimmt, dass Gott da ist, auch wenn ich ihn momentan nicht mitbekomme, ja sogar anzweifle, und dass ich irgendwann wieder sein Licht sehe. Es wäre zu schön wenn es gemäß Pater A. stimmt und Gott uns leidenschaftlich liebt.

Donnerstag, 7. Juli 2016

Am Ziel?

Langsam schleppe ich mich bei zunehmender Hitze meinem Endziel entgegen. Der Sinn meiner Reise scheint mir abhanden gekommen zu sein. Jetzt gibt es nichts mehr anzufahren, weiter zu treiben, zu erreichen. Plötzliche Leere breitet sich in mir aus.
Chalon sur Soane hat mir gar nicht gefallen. Es war irgendwie unspektakulär und es liefen komische Gestalten dort rum.
Primitive Gesichter vorwiegend und mein Chambre d'Hotes war genau das Gegenteil.Es war so edel und geschmackvoll eingerichtet und S. Und C. wirklich reizend. Das Badezimmer war so groß wie sonst die Zimmer waren und es gab eine Wanne und einen sehr schönen flauschigen Teppich darin.
Alles war so schön, dass ich immer Sorge hatte, etwas dreckig zu machen und mich auch beim Frühstück gar nicht entspannen konnte.
Ich wollte dann nur noch weg. Die Gastgeber waren so perfekt, das war mir dann doch zuviel und ich war der einzige Gast. Soviel ungeteilte Zuneigung hält kein Mensch dauerhaft aus.
Aber ich habe meinen Kilometerzähler wieder erneuern können. Es war nicht die Batterie sondern er hatte Nässe abbekommen. Also wurde es ein Neuer und warum ich mich dann noch zu einem neuen Helm habe überreden lassen, weiß ich auch nicht so genau. Der Verkäufer war irgendwie überzeugend und ich wollte nett sein.
Bei der heutigen Fahrt nach Cormatin konnte ich mich mit Burgund wieder ein wenig vertragen. Der Fahrradweg verlief auf einer alten Bahntrasse durch eine geschwungene Agrarlandschaft, die durch Wälder, Weinstöcke und Landhäuser aufgelockert wurde. Ohne den Wein hätte ich auch in England sein können.
Das Hotel in Cormatin ist nicht so nach meinem Geschmack. Ich fühlte mich sofort unwohl aber vielleicht lag es auch daran, dass ich nichts mit mir anzufangen wußte. Also legte ich mich zunächst zu einer Siesta nieder.
Danach schwang ich mich auf mein Rad und fuhr nach Taize. Zuerst sah es nicht so aus als ob da was wäre. Keine Hinweise auf den Karten, keine eindeutigen Schilder. Erst im Ort gab es ein Schild "Communaty" und dann sah ich Jugendliche und Erwachsene den Berg hinabsteigen. War ja klar, dass es auf einem Berg lag.
Im Empfang wurde ich herzlich begrüßt und dann wurde auf meine Nachfrage ob ich ab dem nächsten Tag bis Sonntag da bleiben dürfen, gesagt, dass Erwachsene sich für mehrtägige Aufenthalte vorher per Internet registrieren lassen müssten und das das jetzt nur der Pater entscheiden könne,der um halb sechs da sein würde.
Ich habe mir die Kirche angeschaut, die ich jetzt eher als hässlich oder sagen wir funktionell bezeichnen würde.
Das Gelände ist riesig und überall wimmelt es von Menschen zumeist jüngeren Alters.
Die vielen Menschen haben mich überfordert.
Der Pater sprach Deutsch und entschied, dass ich am Freitag kommen könne. Ich werde dann mit 6 Frauen in einer Baracke schlafen. Wie sehr wünschte ich mir nun ein eigenes Zelt.
Aber jetzt werde ich mich der Erfahrung auch noch stellen.
Um 19 Uhr gab es Abendessen und ich war froh anschließend im Hotel noch Käse, Wein und ein Eis verzehren zu können.
Bis Sonntag werde ich kein Internet mehr haben, kann euch meine Erfahrungen also erst später mitteilen.

Mittwoch, 6. Juli 2016

Heiß und flach

Es windet und ist kühl und flach. Gestern bin ich vom Jura nach Burgund gekommen und die Landschaft ähnelte sich meiner Stimmung. Ich hatte das, was die Schweden, zumindest manche am 21.6. bekommen. Depressionen, darüber, dass das Schöne, das Licht, wieder vergeht.
Nun neigt sich der erste Teil meiner Reise dem Ende und ich fühle mich noch gar nicht bereit dazu. Ja, die Knochen und Muskeln schmerzen, ich möchte mal frische und andere Sachen anziehen. Ich hatte ja gehofft nach einiger Zeit in meine im letzten Jahr gekaufte, coole, grün karierte, auf meine Radschuhe abgestimmte Vaude- Fahrradshorts in Größe... herein zu passen. Eigentlich wollte ich schon nach einer Woche wieder hineinpassen. Was soll ich sagen ich bin und bleibe zu dick und fahre die Hose nunmehr seit fast vier Wochen spazieren. Stattdessen wasche ich nun täglich meine treu ergebene Radfahrshorts mit Trägern, die auch nicht quetscht, mit Wasser durch und muss sie teilweise am anderen Morgen noch feucht anziehen. Da ich aber sowieso schwitze, merke ich das fast nicht.
Also überkam mich gestern der Endzeit-Blues und ich schleppte mich von Kilometer zu Kilometer.
In Dole, einer im Gegensatz zu Besancon wirklich absolut bezaubernden Stadt, vertrödelte ich die immer heißer werdende Mittagszeit. Die Stadt zeigt schon vom Kanal aus ihr bezauberndes Gesicht. Blumen geschmückte Brücken weisen auf das Steinhausensemble am Berg. Es gibt kleine Gässchen, da sind ins Pflaster dreieckige Messingplatten als Wegweiser eingelassen.Auf ihnen ist die Rückansicht einer Maus eingraviert. Ich frug mich gleich, ob in dieser Stadt auch der Rattenfänger unterwegs war?
Es war sehr heiß und da ich ja gelernt habe, dass es in der Mittagspause am besten ist, in irgendeinem Cafe abzuhängen, setzte ich mich auf die Terrasse eines kleinen CrepeCafes und ass Salat und Crepe und trank Cidre Brut.
Als das getan war, schleppte ich mich lustlos weiter auf meiner Route. Irgendwann wechselte ich vom Jura ins Burgund und der Radweg wurde schlechter und es wurde flach, so flach und die Sonne brannte. Ich fuhr schließlich am Ufer der Saone entlang, die sich breit und bräsig durch die Ebene wand. Es war so heiß. Dann wollten sie uns noch auf einen Umweg schicken aber findige Radfahrer hatten per Hand auf die Schilder gemalt, dass frau auf jeden Fall geradeaus fahren solle, was ich zum Glück auch tat. Umwege mit wehem Po in langweiliger Landschaft unter brütender Hitze - ne- nicht mit mir.
Irgendwann hatte ich Seurre erreicht und kurz darauf mein Chambre d'Hotes in Lanthes, das ich vorsorglich schon per booking.com gebucht hatte.
Es war ein schönes, gepflegtes Haus und Zimmer mit Familienanschluss. Um acht Uhr gab es auf der Terrasse etwas zu essen, außer mir war noch ein belgisches Paar zu Gast, was letztendlich bis kurz vor elf dauerte. Wenn frau von der Konversation nur ein Bruchteil mitbekommt, kann das sehr lang werden.
C'est la vie, der Wein war lecker. Und es war wunderbar still in der Nacht.